Andere in der älteren' Literatur für die Pferderäude verwendete Namen: „Schmutzflechte" oder „Räudeflechte" (Herpes scabiosus); „trockene Schabe" (Herpes farinosus); „trockene, dürre Räude" (Scabies farinosa, Sc. sicca) gegenüber der „nässenden, feuchten oder fetten Räude") Die Räude des Dromedars wurde 1841 von Gervais (vergl. Fürstenberg, 1. c. S. 217) beobachtet, der hierbei auch die Milbe gefunden und beschrieben hat. Ich behandelte 1879 gemeinschaftlich mit dem verewigten Kreisthierarzt Herrns 5 räudekranke Dromedare, welche zu einer Karawane aus Nubien gehörten und in den Besitz des hiesigen zoologischen Gartens übergegangen waren. Die Krankheit war bei feilen 5 Thieren inveterirt; 3 gingen zu Grunde und 2 wurden geheilt. Ich fand die von Gervais beschriebene Milbe in grosser Zahl. Sie stimmte vollständig überein mit der menschlichen Krätzmilbe. — Bei den Waschungen der Thiere infleirten sich drei Wärter des zoologischen Gartens an den Händen, Armen und am Halse. An diesen Regionen entstand die Krätze mit allen ihren Eigenthümlichkeiten. Die Wärter mussten sich einer ärztlichen Behandlung unterziehen, nach welcher die Heilung in 8 Tagen erfolgte. (Scabies ulcerosa) sind ungeeignet. Sie entstanden aus einer gänzlich verfehlten Anschauung über die Natur der Krankheit und besitzen daher nur noch ein historisches Interesse.

Dem gegenwärtigen Jahrhundert waren in der Aetiologie der Krätze noch die abstrusen Vorstellungen des Alterthums überliefert worden. Nasskalte Witterung, schlechte Ernährung und mangelhafte Hautpflege sollten bei den Thieren eine be­sondere Dyskrasie der Säfte verursachen, aus welcher die Scabies als eine chronische ansteckende Krankheit der Haut hervorgehen musste. Mit grosser Hartnäckigkeit hat sich diese Hypothese auch von der Räude der Pferde bis über die Mitte des gegenwärtigen Jahrhunderts hinaus erhalten. Das Blut sollte eine salzige Schärfe enthalten, welche mit dem Blutwasser in die „Schweiss abführenden Gefässe" der Haut dringe, an den Ausgängen derselben die Haut zerfresse und die Schorfbildung verursache. Nachdem die Krätzmilbe des Menschen mehrfach, aber nicht allgemein als die alleinige Ursache der Krankheit anerkannt war, versicherte Kerstin g (Nachgel. Manuscr., 2. Aufl., 1792, S. 129), auch beim „Grind der Pferde" kleine Thierchen ähnlich den Käsemilben im Käse auf der Haut gesehen zu haben. Er dachte sich aber, dass diese Parasiten sich erst in Folge der Krankheit auf der Haut einfinden sollten. — Ich halte es für zweifelhaft, ob Kersting wirklich Krätzmilben bei Pferden gefunden hat. Dagegen gelang Gohier (1812) der Nachweis der Dermatocoptes- Milbe. Später constatirten Hertwig (1835) und Hering (1838) dieselbe Milbe bei räudekranken Pferden. Trotz dieser Befunde erhielt sich die Ansicht, dass die Eruption der Pferde­räude theils in einer ursprünglichen Entwickelung, theils in einer unmittelbaren oder mittelbaren Ansteckung beruhe. Dementsprechend wurde die Entstehung der Räude­milben auf die Urzeugung (Generatio spontanea) zurückgeführt. Einer der letzten unter den einflussreichen thierärztlichen Autoren, welche die spontane Generation der Räudemilben vertreten haben, war Spinola. Der Thatsache, dass die Räude in allen ihren Arten und bei allen Thieren sich nur durch Ansteckung erhält und ausschliess­lich durch den Parasitismus der Räudemilben bedingt wird, hat erst Gerlach (1857) die allgemeine Anerkennung der Thierärzte gesichert. Es gehört auch zu seinen Ver­diensten, das Schmarotzerthum der Sarcoptesmilbe und der Dermatophagusmilbe bei Pferden entdeckt resp. zuerst nachgewiesen zu haben, dass die Räude bei den Pferden in drei besonderen Arten vorkommt: 1. Sarcoptes-Räude, 2. Dermatocoptes- (Dermato-dectes-) Räude und 3. Dermatophagus- (Symbiotes-) Räude. Die beiden erstbezeich­neten Arten verbreiten sich über den ganzen Körper resp. über den Rumpf, Hals und Kopf. Sie umfassen im engeren Sinne den Begriff der Pferderäude. Auch das Seuchengesetz des deutschen Reiches stellt nur diese beiden Arten der Pferderäude unter die polizeiliche Behandlung, nicht aber die Dermatophagus-Räude. Siedam-grotzky definirt die Sarcoptes- und die Dermatocoptes - Räude als „allgemeine Räude" und die Dermatophagus-Räude als „örtliche Räude".

Dem Ausbruch der Räude liegt in den meisten Fällen die unmittel­bare Berührung eines gesunden Pferdes mit einem räudekranken zu Grunde. Die Milben werden bei der engen Gemeinschaft der Pferde in den Stallungen oder auf den Weiden leicht übertragen. Es kann aber auch mittelbar durch das Putzzeug, die Decken oder das Arbeitsgeschirr, welche bei räudekranken Pferden benutzt wurden, die Ansteckung erfolgen. Nicht selten vollzieht sich die indirecte Uebertragung der Milben in den nicht desinficirten Ställen, in welchen räudekranke Pferde untergebracht waren. Da die Milben die alleinige Ursache der Krankheit resp. das Oontagium derselben darstellen, so ist bei jedem Ausbruch der Räude vorauszusetzen, dass entweder gleichzeitig männliche und weibliche Milben oder trächtige weibliche Milben oder keimfähige Milbeneier auf die Haut des betreffen­den Pferdes gebracht sind. Die Eier können an feuchten Vehikeln 4 bis 6 Wochen, vielleicht in einzelnen Fällen noch länger keimfähig bleiben, während sie an trockenen Gegenständen früher zu Grunde gehen. — Für die unmittelbare Ansteckung ist die Tatsache noch beachtenswerth, dass nach dem Grade und der Ausbreitung der Räude bei einem Pferde die Uebertragung der Milben bald sehr leicht, bald weniger leicht er­folgt. Ein Pferd, welches frisch angesteckt ist, kann mehrere Tage, selbst 2— 3 Wochen neben einem gesunden Pferde stehen, ohne dass letzteres mit den Milben behaftet wird, während bei der stark ent­wickelten Räude schon eine einmalige vorübergehende Gemeinschaft zur Ansteckung ausreicht.

Vorstehende ätiologische Thatsachen kommen den beiden Arten der allgemeinen Pferderäude gemeinsam zu. In der Pathogenese und Sym­ptomatologie bestehen dagegen einige erhebliche Modificationen, die eine gesonderte Betrachtung erheischen.

Sarcoptesfäude des Pferdes. Scabies equi sarcoptica.

Pathogenese. Die Grabmilbe (Sarcoptes scabiei Latr.) dringt unter die Epidermis und erzeugt in der Haut förmliche Gänge, in wel­chen die Paarung, das Ausbrüten der Eier und die Entwickelung der jungen Milben erfolgen. Nach Gerlach graben sich die Sarcoptesmilben stets an einem Haarbalg ein. Durch die Bisse derselben wird eine ober­flächliche chronische Entzündung der Haut eingeleitet und unterhalten. In Folge derselben vermehrt sich die Bildung der Epidermisschuppen; es entstehen kleine Knötchen und an den feineren Hautpartien selbst förmliche Pusteln; zuweilen scheidet sich in geringer Menge ein seröses Exsudat ab; die Haut vergrössert sich und legt sich an den Regionen, in welchen die Unterhaut sehr locker ist, in Falten. Bei längerer Dauer führt der Process zur Bildung von Krusten und Borken. Die Haare fallen aus. Vorzugsweise durch die Bisse und die Bewegungen der Milben, zum Theil auch durch die auf der Haut befindlichen Schuppen und Krusten wird ein krankhaftes Juckgefühl unterhalten.

Symptome. Am Kopf, Hals und an den Schultern wird die Haut von den Sarcoptesmilben am meisten heimgesucht. Indess ist der Beginn der Räude am Rumpfe nicht ausgeschlossen. Die Gliedmassen werden aber erst bei der allgemeinen Ausbreitung derselben über den Körper resp. nach einer relativ langen Krankheitsdauer afficirt. Als wesentliche Erscheinungen finden sich:

Juckreiz. Die Pferde benagen und scheuern die kranken Haut­stellen. Beim Striegeln oder beim Reiben derselben mit den Fingern äussern sie grosses Wohlbehagen durch Bebbern mit den Lippen, Strecken oder nickende Bewegungen des Kopfes und Einbiegen des Körpers. Am meisten macht sich die juckende Empfindung bei der Erwärmung der Haut oder während der Nacht geltend.

Knötchenbildung an den kranken Hautpartien, zuweilen auffällig, oft aber geringfügig.

Ausfallen der Haare', mitunter so bedeutend, dass die Haut in grosser Ausbreitung kahl erscheint.