Diagnose
Nothwendig ist für die Diagnose der allgemeinen Räude in der thierärztlichen Praxis der Nachweis der Milben nicht. Wenn sich aber Jemand die Aufgabe stellt, die Sarcoptesräude zum Unterschiede von der Dermatocoptesräude festzustellen, so ist die sichere Diagnose von dem Befunde der bestimmten Milbengattung abhängig. Nach den Erfahrungen Gerlach's wird die allgemeine Räude des Pferdes in 2/3 der Fälle durch Sarcoptesmilben und in l/3 durch Dermatocoptesmilben verursacht. Im Allgemeinen sprechen die Verbreitung des Ausschlags über grössere Hautpartien, eine erhebliche Enthaarung, sowie die Verdickung und Faltenbildung der Haut dafür, dass das betreffende Pferd an der Sarcoptesräude und nicht an der Dermatocoptesräude leidet. — Das Aufsuchen der Milben bleibt oft erfolglos, namentlich wenn die kranken Pferde bereits mit antiparasitären Mitteln behandelt sind. Für die mikroskopische Untersuchung werden die Schuppen oder Krusten an den Stellen, an welchen heftiges Juckgefühl besteht, mit dem Messer abgetragen und zunächst mit Natronlauge erweicht. Zuweilen finden sich in denselben todte Milben oder Theile derselben. Lebende Milben lassen sich mitunter in den frisch aufgeblühten und mit dem Messer abgehobenen Räude-knötchen leicht nachweisen. Zweckmässig findet vorher eine Anfeuchtung und Erwärmung der Knötchen, Schuppen oder Krusten statt, weil die Milben hierdurch zum Umherkriechen veranlasst werden. Die Dermatocoptes sind leichter zu finden, als die Sarcoptes. Wegen der Schwierigkeit, die das Auffinden der Milben mit sich bringen kann, empfahl Gerlach, die abgenommenen Knötchen oder Schuppen auf dem Arm einer Person zu befestigen und einige Stunden auf demselben zu erhalten. In dieser Zeit suchen die Milben sich in die Haut einzugraben, was an der juckenden Empfindung sich zu erkennen giebt. Sie lassen sich dann von der Haut mit einer Nadelspitze hervorholen.
Durch den Nachweis der Milben wird jeder theoretische Einwand gegen die Richtigkeit der Diagnose beseitigt. Aber sowohl bei den veterinärpolizeilichen Befunderhebungen, als in der Privatpraxis ist es nicht berechtigt, das Vorhandensein der Räude deshalb zu bezweifeln, weil bei der Untersuchung keine Milben gefunden werden. Bei sorgfältiger Erwägung der positiven und negativen Befunde lässt sich die Räude auch ohne Aufsuchung der Milben mit wissenschaftlicher Sicherheit feststellen. Ein wesentliches diagnostisches Merkmal liegt in dem starken Juckreiz an den kranken Hautpartien. Das Bestehen desselben ergiebt zunächst, dass das betreffende Pferd mit thierischen Hautparasiten behaftet ist. Ausser dem sehr selten vorkommenden acuten Pemphigus habe ich bei Pferden keinen Hautausschlag kennen gelernt, welcher ein so heftiges Juckgefühl veranlassen könnte, als die thierischen Hautparasiten. Demnach ist bei der Beurtheilung der Krankheitserscheinungen vorab die Frage zu erledigen:
1.) Ob bei dem betreffenden Pferde oder bei einer Mehrzahl von Pferden eines Bestandes sich Läuse angesiedelt haben. Wegen des starken Juckreizes, den die Läuse verursachen, scheuern und reiben sich die Pferde die Haut zuweilen wund, so dass die Haare auf relativ grossen Partien der Haut abfallen. Bei wochen- und monatelangem Parasitismus der Läuse kann deshalb die Affection eine grosse Aehnlich-keit mit den Symptomen der Räude haben. Indess gelingt durch eine sorgfältige Untersuchung der Haut resp. durch Scheitelung der Haare an den Flanken, am Thorax oder an der Schulter und am Halse unter der Mähne die Ermittelung einzelner Läuse oder der an den Haaren klebenden Eier (Nisse) fast immer.
2.) Die Vogelmilbe (Dermanyssus avium) kann in solchen Pferdeställen, in welchen eine Hühnerstiege oder ein Taubenschlag eingerichtet ist, des Nachts auf die Haut der Pferde kriechen und durch ihre Invasion einen juckenden Ausschlag verursachen. Indess kommt nach meinen Erfahrungen diese Affection nicht häufig und jedenfalls seltener vor, als in der Literatur vielfach behauptet wurde. Immerhin ist bei zweifelhaften Befunden Rücksicht darauf zu nehmen, ob der Pferdestall mit einer Hühnerstiege in directer Verbindung steht.
Der Pemphigus acutus der Pferde, eine oberflächliche in-fectiöse Hautkrankheit, deren specifischer Verlauf in 5—8 Tagen beendet ist, bedingt in noch höherem Grade, als die Räude einen krankhaften Juckreiz. Indess ergiebt sich schon aus der starken serösen Exsudation und zuweilen aus den wahrnehmbaren kleinen und grösseren Blasen auf der Haut ein hinreichendes Unterscheidungsmerkmal. Ausserdem ist zu beachten, dass bei diesem acuten Ausschlag am Bauche, am Rumpfe und am Becken die Haare zwar ausfallen, dass sich die Haut aber nicht verdickt.
Das allgemeine Ekzem (Ekzema simplex universale Equi), ein in Form von Bläschen oder oberflächlichen Knötchen auftretendes Exanthem, welches zuweilen im Oonvalescenzstadium bei katarrhalischen Krankheiten der Respirationsorgane vorkommt, aber auch selbständig auftritt, hat für den Sachverständigen nur eine geringe Aehn-lichkeit mit der Räude. Die schnelle Entwickelung der allgemeinen Affection und die Eintrocknung der Bläschen machen die Unterscheidung leicht.
Einige Aehnlichkeit mit der Räude haben ferner folgende Affectionen:
Das allgemeine oder locale Hautjucken des Pferdes (Prurigo equi).
Die Schwindflechte (Liehen).